Scheinlösungen

Strategien der Flugindustrie: Grünes Wachstum oder Greenwashing?

Der Druck auf die Industrie steigt von vielen Seiten. Die Luftfahrt kann sich daher nicht mehr von den weltweiten Bemühungen zur Begrenzung der Klimakrise drücken. Die Broschüre „Grünes Fliegen – gibt es das?“ untersucht die aktuellen grünen Strategien auf ihre Wirksamkeit:

Technologische Fluginnovationen: Für grüne Flüge wären Quantensprünge notwendig. Selbst die Flugindustrie geht von wenigstens 25 Jahren aus, bis die technische Reife entwickelt ist. Da Flugzeuge eine Lebensdauer von 15 bis 30 Jahren haben, bleiben energieintensive Maschinen also mindestens bis in die 2060er Jahre im Einsatz. Forschung ist selbstverständlich wichtig, doch kein Grund, auf die zukünftige technologische Erlösung zu warten und nun zu versäumen, dringliche Maßnahmen zur Reduktion von Flugverkehr umzusetzen.

“Nachhaltige” alternative Treibstoffe: Ein möglichst hoher Anteil konventionellen Kerosins soll durch Agrartreibstoffe oder synthetisches Kerosin ersetzt werden. Die Pläne sind unrealistisch, würden riesige Mengen Land oder Strom verbrauchen und damit die Lebensmittelversorgung gefährden, zu Landraub führen und zudem kaum positive Auswirkungen auf das Klima haben.

Klimastrategie der internationalen Luftfahrt CORSIA: 2016 verabschiedete die ICAO (International Civil Aviation Organisation) das Maßnahmenpaket Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation (CORSIA). Damit behauptet die Luftfahrt, ab 2020 CO2-neutral wachsen zu wollen. Im Zentrum steht das Konzept der Kompensation der Emissionen durch Einsparungen Anderer anderswo.

Bei Kompensations- bzw. Offset-Projekten handelt es sich z. B. um Energieerzeugung aus Methan, das bei der industriellen Viehhaltung in großen Mengen anfällt, oder dem Bau von Wasserkraftwerken, die vorgeben, die Energieerzeugung aus fossilen Brennstoffen zu verhindern. Auch Waldschutzprojekte oder Betreiber von Baumplantagen können die angeblich vorgenommenen Emissionseinsparungen als Gutschriften an die Flugindustrie verkaufen.

Studien belegen, dass der Großteil der Projekte die Einsparung zu hoch berechnet. Das Öko-Institut untersuchte für die Europäische Kommission bestehende Kompensationsprojekte und fand heraus, dass nur 2 % der CDM-Projekte (Clean Development Mechanism = UN-Kompensationsmechanismus) mit hoher Wahrscheinlichkeit zu zusätzlicher Emissionsminderung führen. Wenn z. B. ein Wasserkraftwerk ohnehin gebaut oder ein Wald ohnehin nicht abgeholzt wird, sollten diese keine Emissionsgutschriften verkaufen dürfen – denn diese geben andere das Recht, mehr zu verschmutzen.

Zudem verursachen die fast ausschließlich im Globalen Süden beheimateten Projekte häufig lokale Konflikte oder führen gar zu Landraub – insbesondere bei land- und waldbasierten Projekten wie REDD+ (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation). Letzten Endes ist Kompensation im Kern ungerecht. Damit ein kleiner Teil der Weltbevölkerung immer öfter mit gutem Klimagewissen fliegen kann, sollen andere im Globalen Süden die Treibhausgase reduzieren.

“Klimaneutrale” Flüge von Airlines: Fast ein Drittel der Fluggesellschaften bietet ihren Kund*innen an, CO2-neutral zu fliegen. Dies nährt seit Jahren die Illusion, grünes Fliegen und Kompensation seien möglich. Individuelle Kompensationsangebote machten diese Praxis erst gesellschaftsfähig und wurden so zum Wegbereiter für Programme wie CORSIA, die einen ganzen Industriezweig aus der Verantwortung für die Minderung von Treibhausgasemissionen entlassen.

Airport Carbon Accreditation: Flughäfen stellen sich zunehmend grün dar, besonders, wenn ihnen Gegenwind droht bei geplanten Erweiterungen wie neue Pisten. Über das Zertifizierungssystem ACA können sie in vier Schritten zu CO2-neutralen Flughäfen werden. Auch hier wird Emissionskompensation betrieben. Ein Flughafen darf sich CO2-neutral nennen, obwohl die Flüge und damit etwa 95 % der Emissionen dabei unbeachtet bleiben.

Biodiversitäts-Kompensation: Da Flughäfen große Landflächen beanspruchen, die für Biodiversität und Anrainer*innen wichtig sind, ist der Druck groß bzw. gibt es teilweise eine gesetzliche Verpflichtung zur Kompensation: Ein Ökosystem kann zerstört werden, wenn woanders Natur geschützt wird. Die sozialen Folgen werden dabei ignoriert. Methodische Ungereimtheiten im „Ersatz“ der Natur woanders sind weit verbreitet, die Kompensation scheitert häufig.